Das große Mißverständnis

hier können alle schreiben, was ihnen so an der bürgerlichen Gesellschaft oder dem kapitalistischen System stört

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Das große Mißverständnis

Beitragvon linux_blAcky » 26. Dez 2009 13:19

Wenn wir von einer Gesellschaft ohne Knäste sprechen, meinen viele unserer GesprächspartnerInnen DIESE Gesellschaft ohne Knäste und halten dies für eine Utopie. Sie haben recht. Diese Gesellschaft ist so sehr auf Konkurrenz, Gewalt und Macht aufgebaut, daß sie ohne Knäste oder andere Formen von Strafe nicht existieren kann.

Aber ist es nicht naiv zu glauben, daß dieses Gesellschaftmodell der Weisheit letzter Schluß ist? Ist es wirklich total unrealistisch zu glauben, daß sich Gesellschaften auch mal anders organisieren könnten?

Von Klein an sind wir in dieser Gesellschaft mit Gewalt und Strafe konfrontiert. Vieles davon ist durch die krasse öknomische Ungerechtigkeit in dieser Gesellschaft bedingt. Wenn das Kind hungrig in den Kindergarten geht, weil die Eltern (oftmals auch nur die Mutter) zum unteren Drittel der Gesellschaft gehören, so ist dies natürlich Gewalt. Und das Kind empfindet es natürlich als Strafe, wenn ihm vieles vorenthalten wird, was für Kinder reicher Eltern selbstverständlich ist.

Diese Gewalt setzt sich dann nahtlos in der Schule fort (Über das Schulsystem ließen sich mehr als nur ein Beitrag schreiben).

Wer dann nach der Schule die „Alternative“ hat, prekärer Billiglöhner oder Hartz 4-Empfänger zu werden, empfindet dies natürlich als Gewalt.

Auch Strafen finden hierzulande meist auf ökonomischer Ebene statt. Bei nicht normgerechten Verhalten oder gar Aufbegehren spannt sich eine weite Kette vom Taschengeldentzug über die Leistungsverweigerung durch die ARGE bis hin zur Geldstrafe. Selbst im Knast finden die meisten Hausstrafen auf der öknomischen Ebene statt: Einkaufssperre oder Entzug des TV.Geräts sind nur Beispiele dafür. Eine ökonomisch extrem ungerechte Gesellschaft läßt sich eben nur mit Gewalt und durchsetzen.
Gewalt erzeugt Gegengewalt
Wer durchbricht die Gewaltspirale?

Es existiert aber auch unbestreitbar direkte körperliche Gewalt. Diese direkte Gewalt gibt es auf individueller und auf staatlicher Ebene. Beide mit steigender Tendenz. Beide haben miteinander zu tun und schaukeln sich gegenseitig hoch. Anders ausgedrückt: Je gewalttätiger ein Staat ist, desto gewalttätiger wird die Bevölkerung.

Dies zeigt sich exemplarisch an der Beziehung Krieg und Knast. Staaten, welche Krieg führen, verzeichnen einen Anstieg der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. Nach einer neueren Untersuchung sind über 10% aller Gefangenen in Großbritannien ehemalige Soldaten. In den USA gab es ähnliche Erfahrungen mit Vietnam-Veteranen. Wer von Staats wegen töten darf, verliert eben eine natürliche Hemmschwelle.

Ähnliches gilt auch für die Todesstrafe. Wer seiner Bevölkerung sagt, daß Töten unter bestimmten Umständen erlaubt und erwünscht ist, ja, was sendet der für ein Signal aus?

Aber auch individuelle Gewalt schaukelt sich manchmal hoch, ja sie „vererbt“ sich teilweise. Unbestritten sind viele gewalttätige Menschen als Kinder selbst Opfer von Gewalt gewesen. Der 5-jährige, der mißhandelt wird, wird von allen bedauert, die BLÖD-Zeitung voran. Zehn Jahre später schlägt er selbst zu und ist plötzlich „die Bestie“. Um es mit der BLÖD-Zeitung auszudrücken.

Individuelle Gewalt ist aber oftmals nicht nur Reaktion auf selbst erlebte körperliche Gewalt, sondern häufig auch Reaktion auf strukturelle soziale Gewalt. Staatliche Gewaltausübung dient aber nicht nur der Aufrechterhaltung der ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie befriedigt auch die Gewaltphantasien derer,die aus irgendwelchen Gründen davor zurückschrecken, selbst individuelle Gewalt auszuüben.
Abolitionismus ist kein Selbstzweck

Wenn wir unser Ziel einer „Gesellschaft ohne Knäste“ formulieren, hören wir oft die Frage, was uns das hier und heute nützt? Wenn wir sagen, daß dies ein langfristiges Ziel ist, daß sich unter den derzeit herrschenden gewalttätigen Gesellschaftsbedingungen nicht unmittelbar verwirklichen läßt, so bedeutet dies nicht, daß wir nun tatenlos warten, bis die entsprechenden gesellschaftlichen Bedingungen verwirklicht sind. Nein, kleine Schritte sind jetzt schon erforderlich. Grade weil uns das große Ziel die Richtung vorgibt, laufen wir nicht Gefahr reformistisch zu werden. Reformismus bedeutet, das bestehende Unrechtssystem zu verbessern. Etwas, das grundsätzlich falsch ist, kann aus unserer Sicht aber nicht verbessert werden. Wir können nur versuchen, daß System Schritt für Schritt zurückzudrängen.



aus Abolitionistische Streitschrift STRAFLOS, Nr.1 vom November 2009

http://www.mitmachzeitung.de/index.php? ... &Itemid=55
Wo aber die Gedanken nur frei sind, im eigenen Hirn zu kreisen, da gibt es keine Freiheit. (Hal Faber)
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Beitragvon Anonymus one » 26. Dez 2009 19:22

Zunächst einmal: Gewalt ist nicht etwas, das einfach so anerzogen werden kann!

Die Natur als Beispiel heranziehend bringt mich zu dem Schluss, dass Gewalt zunächst einmal etwas ganz Natürliches, ja sogar Überlebenswichtiges darstellt. Um also über Gewalt zu reden bzw. zu urteilen, sollte man zunächst einmal lernen zu differenzieren! Es gibt ja nicht nur die physische Gewalt!

Der Staat übt zunächst einmal gar keine physische Gewalt aus. Durch Gesetze, Regelungen und Vorgaben wird eine Gewalt erzeugt, die viele Menschen in die Defensive treibt, ja sie sogar willenlos macht! Forciert durch die Medien ergibt dies eine Ruhigstellung des Volkes. Die physische Gewalt des Staates greift erst ein, wenn sich der Staat (stellvertretend für das Volk) bedroht fühlt.

Verabscheuende Taten wie heimtückischer Mord, Raub und das verletzen von Menschen, die einem nichts getan haben ist jedoch kein Bestandteil der Erziehung oder gar der sozialen Herkunft! Insbesondere Mord (kapitalbezogen) ist gerade in den höheren Schichten eher vertreten weil Gier und Macht eine wesentliche Rolle spielen! Während auf Hass bezogene Morde sich wieder in allen Schichten finden lassen!

Menschen, die sich in einer Ausweglosigkeit befinden, insbesondere wenn es um Existenzen geht, sind im Grunde zu allen Taten fähig. Und damit komme ich zu den eigentlichen Ursachen der gesellschaftlichen Probleme: die Angst. Existenzangst, Verlustangst usw. aber auch Hass. Letzterer ergibt sich nicht aus der Erziehung oder der sozialen Herkunft. Hass ist überall vertreten. Die Ängste finden sich aber ebenfalls, wenngleich auch unterschiedlich ausgeprägt, in allen sozialen Schichten wieder!

Die Kriminalitätsraten steigen mit zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten bis hin zur Selbstaufgabe, erweiterten Suiziden oder gar terroristischen Aktivitäten! Die einen werden depressiv, die anderen überaktiv! Die Folgen sind fast täglich in den Medien belegt!

Es bleibt also die Frage was Mensch tun muss um diesen ganzen Wahnsinn zu stoppen? Ist es tatsächlich eine Frage des Wegsperrens um Probleme dieser Art zu lösen? Nein! Es ist nur die scheinbar einfachste Art, auf Dauer jedoch eine Spirale in den unermesslichen Wahnsinn!

Erst wenn der Mensch lernt, füreinander da zu sein, sich das Bewußtsein dafür auch entfaltet, dann wird sich die Geselschaft ändern ... und zwar nicht von oben sondern von der Basis her! Jeder Einzelne kann dazu beitragen. Dazu beitragen, füreinander wieder da zu sein, die egoistischen Denkmuster abzulegen und für eine bessere Welt zu leben ... diese sinnvollerweise vorzuleben!

Alte Denkmuster aufbrechen und neue schaffen, das könnte ein Lösungsansatz sein!

.
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Beitragvon linux_blAcky » 28. Dez 2009 10:34

http://autonomes-knastprojekt.blogspot.com

Der obige Text ist der Grundsatzartikel der neuen kleinen
abolitionistischen Streitschaft "STRAFLOS", auf die auch im
Gefangenenrundbrief Mauerfall, No. 24, hingewiesen wird.

Bei Interesse also bitte auf den oben angegebenen Blog zugreifen und
ggf. dort mitdiskutieren!
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Beitragvon Anonymus one » 28. Dez 2009 11:01

Danke, das reicht....

Wenn ich da schon wieder lesen muss, dass eine Gruppe - hier die schwarzen Sheriffs - diskriminiert wird, dann kann ich diesem Pseudo-Projekt nichts abgewinnen!

Knäste können nicht abgeschafft werden solange kein Umdenken erfolgt und wenn man am falschen Ende zieht wird man die Grube ohnehin nicht verlassen können!

:roll:

.
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Beitragvon linux_blAcky » 28. Dez 2009 11:29

kein pseudo-projekt. hättest du den text aufmerksam gelesen wüsstest du das es das projekt selber schon seit über 20 jahren gibt.
das eine grundlegende veränderung in der gesellschaftsstruktur zur schaffung der von uns angestrebten zustände vonnöten ist wurde da auch klar dargelegt und keinesfalls abgestritten.
wie gesagt, wenn du darüber diskutieren willst nutze bitte die verlinkte blogadresse.

mfg,

blAcky
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Beitragvon oeffi » 28. Dez 2009 14:41

Lieber Blacky und Scouty!

Es ist die eine Sache, das Ausmaß der Probleme zu beschreiben - und als Ergebnis herauszubekommen, daß wir nicht nur "reformistische" Veränderung von kleinen Einzelheiten am System bräuchten, sondern eine grundlegende System-Umstellung...

Meist bleiben solche radikal klingenden Aussagen dann wieder lebenslang verbunden mit "bloß reformistischen Aktivitäten innerhalb des bestehenden Systems"... (Z.B. für eine "Gesellschaft ohne Knäste" macht man irgendeine Form von Knast-Sozial-Arbeit usw...)

Es ist eine andere Sache, diese System-Umstellung zumindest klar zu beschreiben bzw. zu definieren... Wenn Menschen sich ein wenig ernsthaft darauf einlassen, kommt relativ leicht sowas raus wie: Statt (kapitalistischer) Ungerechtigkeits-Gesellschaft mit ihrem erforderlichen Gewalt-Durchsetzungs-Apparat eine Gesellschaft friedlichen geschwisterlichen Teilens bzw. - wie ich es ja gern nenne - "Konsens-Strukturen globalen Teilens" unter "globalen Konsens-Geschwistern"...

Und dann? Wir wissen dann alle, daß wir bei uns selbst anfangen könnten und so leben könnten... Aber wer macht es dann irgendwie 'in runder Form'? -----
Weil wir auf die eigenen Wohlstands-Privilegien doch nicht so richtig verzichten wollen, teilen wir nicht in zu Ende gedachter Form mit den Ärmsten, und gehen wir nicht in Gemeinschaften mit Gütergemeinschaft... Und weil wir zu sehr (willkürlich) entscheiden und machen wollen, was wir Lust haben, auch wenn es nicht zu unserer eigenen Vernunft oder einem Vernunft-Konsens mit anderen paßt, unterwerfen wir uns halt der eigenen Vernunft nicht wirklich und gehen auch in keine solche Konsens-Gemeinschaft mit anderen...
Schon gar nicht gehen wir so konsequent in eine "Konsens-Gütergemeinschaft" über, daß es ein echter Ersatz für die bürgerlichen Staats- und Geld-Strukturen werden kann und wir diese wirklich aufgeben würden...

Und deshalb reden ja eh schon nur sehr wenige von solchen radikalen Schritten bzw. Veränderungen, schon gar in ernsthafter scheinender Weise...
Und die, die den Anschein der Ernsthaftigkeit erwecken, meinen es bei genauerer Betrachtung dann doch leider meist auch wieder nicht ernst...

Deshalb entsteht so wenig echte alternative Substanz...

Und deshalb muß man viel Hoffnung aufbringen, daß es mal anders werden kann... Und muß bei sich selbst anfangen... Und am besten die elementaren Grundfähigkeiten als "globale Konsens-Geschwister" richtig sich erarbeiten...

Ich grüße Euer Inneres Licht,
Öffi
Ich grüße das 'Natürliche (Göttliche) Licht' in Allen! global-love.eu
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Beitragvon linux_blAcky » 28. Dez 2009 15:12

hallo öffi,

wenn du lust und zeit hast bist du (sowie alle anderen hier mitlesenden/-schreibenden) natürlich herzlich eingeladen, in unserem blog bzw. über die kommentarfunktion von http://www.mitmachzeitung.de an einer diskussion zum thema teilzunehmen. :)
weiters kannst du auch gerne mal einen artikel bei uns einreichen, sofern du etwas thematisch passendes hast.

grüße,

blAcky

edit: vielen dank für deinen kommentar bei uns, ich habe ihn soeben freigeschaltet. :)
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